Interview: Thomas Aistleitner
Seit heuer gilt in Niederösterreich eine – beschränkte – Radhelmpflicht für Kinder. Die Radfahrerorganisationen lehnen sie ab. Alec Hager von der IG Fahrrad erklärt warum.

Es geht um die Sicherheit unserer Kinder. Ein Argument, dass eigentlich den Ausschlag geben sollte. Und sind Kinder mit geschützten Köpfen nicht sicherer unterwegs als ohne Helm – gerade auf dem Fahrrad? So klar scheint die Sache nicht zu sein. Beim Thema „Radhelmpflicht für Kinder“ scheiden sich europaweit die Geister.
Beispiel Schweden: Schweden hat im Jahr 2005 Radhelme für Kinder bis 15 Jahre eingeführt. Vier Jahre später zog Leif Jönsson, Radverkehrskoordinator in der schwedischen, Stadt Malmö, folgende Bilanz: „Das Gesetz ist im Großen und Ganzen wirkungslos. Weil man bis zum Alter von 18 Jahren nicht strafmündig ist, kann niemand verurteilt werden, wenn die Eltern nicht anwesend sind. Wir können auch keine Veränderung in der Unfallstatistik sehen, dass Kinder unter 15 von Kopfverletzungen weniger betroffen sind.”
Beispiel Niederösterreich: Die Landesregierung hat mit Jahresbeginn 2010 eine Radhelmpflicht für Kinder beschlossen. Die Helmpflicht hört allerdings dort auf, wo die Gesetzgebungskompetenz der Landesregierung aufhört: auf den Straßen.
Die Radfahrverbände haben mit der Helmpflicht keine Freude. netzwerk-verkehrserziehung befragte Alec Hager, Präsident der Radlobby IG Fahrrad und Mitautor des Buches „Radfahren in Wien“.
netzwerk-verkehrserziehung: Herr Hager, wie oft sind Sie mit dem Fahrrad unterwegs?
Alec Hager: Ausschließlich. Für jeden Weg, den ich zurückzulegen habe, nehme ich das Fahrrad. Öffis sind mir persönlich zu unflexibel, und ein Auto besitze ich nicht. Dafür verschiedene Fahrradmodelle, mit denen man auch gut transportieren kann.
Wie oft tragen Sie dabei einen Helm?
Ich persönlich trage den Helm nur beim Mountainbiken. Da ist die Sturzgefahr evident. Im Alltag trage ich keinen Helm."
Seit heuer gilt in Niederösterreich eie Radhelmpflicht, allerdings nur außerhalb des Straßenverkehrs. Als Mountainbiker mit Helm müsste Ihnen das doch gefallen.
Nein. Ich befürworte die individuelle Entscheidung, einen Radhelm zu tragen. Doch die Radhelmpflicht ist ein Schuss, der nach hinten losgeht. Die Botschaft lautet doch: Ohne Helm bist du unsicher, ohne Helm bist du strafbar. Die Radhelmpflicht ist ein Hindernis, das Rad zu benützen. Wir haben dazu ein Positionspapier mit allen unseren Argumenten erstellt.
Muss nicht die Sicherheit der Kinder Vorrang haben vor allen Überlegungen, das Radfahren populärer zu machen?
Die Sicherheit ist ein Scheinargument. Kinder verletzen sich den Kopf wesentlich häufiger bei Autounfällen als bei Radunfällen. Wenn es wirklich um die Sicherheit ginge, müsste man den Kindern Autohelme vorschreiben. Und das ist noch gar nicht das einzige Gesundheitsargument ...

Bitte erzählen Sie uns mehr ...
Es ist unbestritten, dass das größte Gesundheitsproblem unserer Kinder der Bewegungsmangel ist. Ich halte es deshalb für falsch, eine gesunde Art der Fortbewegung durch übertriebenes Sicherheitsdenken zu erschweren und zu kriminalisieren.
Sind die niederösterreichischen Politiker denn so inkompetent?
Sie gehen von einem falschen Ansatz aus. Die niederösterreichische Radhelmpflicht lehnt sich an die Skihelmpflicht an, doch dieser Vergleich funktioniert nicht. Man will in Niederösterreich offenbar Fakten schaffen, die den Weg zu einer allgemeinen Helmpflicht auf allen Straßen bereiten sollen.
Sind die Niederösterreicher mit dieser Forderung wirklich ganz allein?
Zurzeit ist es so, dass sich auch das Kuratorium für Verkehrssicherheit für eine Helmpflicht ausspricht. ÖAMTC, ARBÖ und das Verkehrsministerium lehnen sie ab und begnügen sich mit Empfehlungen.
Kinder sollten also auch in der Wiener Innenstadt ohne Helm fahren?
Das Fahrrad ist tatsächlich das sicherste Verkehrsmittel, wenn man die Unfallstatistiken vergleicht. Es gibt in Europa verschiedene Modelle, das Radfahren zu ermöglichen und Radfahrer vor Autos zu schützen. Wir wissen daher ganz gut, was Sicherheit bringt und was nur Sicherheit zu bringen scheint. Wenn jemand aus eigenem Verantwortungsbewusstsein heraus sich oder seinen Kindern einen Radhelm aufsetzt, ist das zu begrüßen. Diese Person hat sich mit der Thematik auseinandergesetzt und eine Entscheidung getroffen, die bei manchen Unfällen vor Kopfverletzungen bewahren kann. Radfahren ohne Helm stellt aber im Alltag kein solches Sicherheitsrisiko dar, dass man einen Helm vorschreiben oder jederzeit einen Helm tragen müsste.
Die österreichischen Städte sind teilweise sehr gut mit Radwegen ausgestattet.
Wir wissen heute, dass Radwege unter Scheinsicherheit fallen. Nirgends ist ein Radfahrer so gefährdet wie auf Kreuzungspunkten von Fahrbahnen mit Radwegen. Das liegt auch daran, dass unsere Radwege oft so verlaufen, dass sie für Autofahrer nicht zu sehen sind. Die Radfahrer tauchen dann auf den Kreuzungen quasi aus dem Nichts auf. In Dänemark und Holland ist das zum Beispiel anders, da sind die Radwege nicht versteckt und es fahren mehr Leute Rad. Die subjektive Sicherheit des Radfahrers am Radweg ist objektiv nicht belegbar.
Wie sind Radfahrer am sichersten unterwegs?
Am sichersten ist der Radfahrer auf der Fahrbahn unterwegs. Das ist nicht nur meine Meinung, das ist unter Experten eigentlich unumstritten. Handelt es sich um die Fahrbahn einer verkehrsberuhigten Straße, dann ist er noch sicherer. Dazu kommt: Je mehr Radfahrer auf der Straße sind, umso weniger Unfälle passieren. Radfahrer machen also auch den Autoverkehr sicherer. Das schöne Wort dafür heißt Entschleunigung.

Buchtipp:
Alec Hager, Johannes Pepelnik
Radfahren in Wien
Fahrradgeschäfte, Kaufberatung, Technik und Reparatur, Rechtsratgeber, Fahren im Alltag, Verkehrspolitik, Ausflüge und Touren
2009 | Falter Verlag, Wien
320 Seiten + Faltplan
EAN: 9783854394167
€ 16,50
Für alle, die dem nächsten Stau einspurig entkommen wollen, die etwas für die Ökobilanz tun wollen oder denen Radfahren einfach Spaß macht: Das neueste Servicehandbuch bietet für jede Entwicklungsstufe des Typus „städtischer Radfahrer“ Informationen, die das Leben auf zwei Rädern erleichtern.
In „Radfahren in Wien“ finden sich neben einer Kauf- und Technikberatung (inkl. Reparaturtipps) die Adressen von so gut wie allen Fahrradfachgeschäften Wiens, Gebrauchtrad-Fundgruben und anderen Rad-Dienstleistern, ein ausführliches Kapitel zu Recht und Rad mit allen relevanten Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung, Anleitungen und Tipps zum sicheren Radeln im Alltag, Vorschläge für Fahrradausflüge und Touren, Anmerkungen zur Verkehrspolitik in Wien aus Radlersicht sowie ein herausnehmbarer Faltplan des inneren Gürtelbereichs mit Routentipps und Schleichwegen.
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